Lucia Marzec ist Krump-Tänzerin, Choreografin und Tanzvermittlerin. Bei Kaffee, Kuchen und ungewöhnlich starken Dezembersonnenstrahlen sprechen wir über ihre Tanzpraxis, die Weitergabe und Vermittlung von Krump und die Berlin Krump Community.
Lucias Auseinandersetzung mit Krump beginnt durch den Tänzer und Tanzpädagogen Prince M.I.K. Ofori.
„Ich habe bei Prince im motion*s Hip-Hop getanzt. Er war früher Krump-Tänzer, ist sozusagen ein OG aus Berlin. Er hat immer mal wieder von Krump erzählt. Als ich Krump das erste Mal live erlebt habe, hat es mich beeindruckt. Es ist so kraftvoll.“
Prince ermutigt sie, über das Nachahmen von gesetzten Choreografien hinauszuwachsen und sich mit Freestyle auseinanderzusetzen. Sie schließt sich mit anderen Frauen für Sessions zusammen und geht immer öfter zu Freestyle- und Krump-Workshops. Während eines Auslandssemesters in den Niederlanden und der Begegnung mit der dortigen Krump-Szene entscheidet sie sich schließlich, sich komplett auf Krump zu fokussieren.
„Krump hat mir geholfen bei null anzufangen. Gleichzeitig habe ich auch gemerkt, dass das etwas ist, was mich reizt und was mir liegt.“
Immer wenn ich Krump sehe, stellt sich in mir eine Kombination aus Gänsehaut und Hochachtung ein. Die kraftvolle Emotionalität der Bewegungen ist in den Tanz eingeschrieben.
„Die Technik basiert ja genau darauf, sich von etwas freizumachen. Krump kommt aus L.A. und ist eine Schwarze Tanzkultur. Sie entstand als Mittel, um Rassismus- und Unterdrückungserfahrungen zu verarbeiten, als Möglichkeit, sich Raum zu nehmen. Die Intensität der Stomps (Aufstampfen auf den Boden) oder der Brustkorbbewegungen können unter Umständen etwas freisetzen, was einen selbst überrascht. (…) Es ist die Rawness und die Emotionalität, die einen sowohl beim Zuschauen als auch beim selber Tanzen so mitnimmt. Manche Menschen können ihre Emotionen vielleicht besser unterdrücken oder haben gelernt, sie zu verstecken, aber am Ende des Tages haben alle Menschen Emotionen und den Drang sie rauszulassen. Krump ist nicht unbedingt der Weg für jede Person, aber es bietet einem einen Raum, das auszuleben. Das ist super wertvoll und spricht auch viele Personen an. (…) Krump hat eine gewisse Form; Basics und Techniken die man ausführen sollte, damit es Krump ist. Gleichzeitig ist es so gewollt, dass der Tanz individuell ausgeführt und angepasst wird. Man hat die Möglichkeit, die eigenen Stärken herauszuarbeiten und dadurch ist es quasi an jeden Körper anpassbar.“
Diesen Zugang kann Lucia in einem Choreografieprojekt für 70 Tänzer*innen im Alter von sechs bis 75 Jahren beweisen. Im Juni 2024 prämiert ihr Stück Keep it Real am Theater Freiburg mit Tänzer*innen der School of Life and Dance.
„Es ist ein Stück mit Krump, kein Krump-Stück. Die Gruppe bestand überwiegend aus weißen Laientänzer*innen. Ich bin Krump-Tänzerin und dadurch sind natürlich Einflüsse von Krump enthalten. Aber egal wie viel Krump ich da reingepackt hätte, nach einem Jahr Proben kann ein Stück keine ganze Tanzkultur widerspiegeln. Es gab in dem Stück Krump-Momente; eine pure Krump-Choreo, mehrere Solostellen, die auf Krump basierten. Keep it Real sollte aber vor allem die Essenz von Krump in sich tragen: Authentizität und das Sich-Selber-Finden. (…) Am wichtigsten ist das Gefühl und die Intention hinter der Bewegung. Krump ist dafür da, sich auszudrücken und zu verarbeiten und darauf wird ganz viel Wert gelegt.“
„Mein generelles Anliegen ist es, nicht nur die Basics zu vermitteln, sondern auch, wie dieser Tanz kulturell eingebettet ist.“
Diesen Anspruch hat nicht nur Lucia im eigenen Unterricht, sondern er ist Teil der Berliner Krump-Community, die in den letzten Jahren stark gewachsen ist.
„Wir planen unterschiedliche Workshops und regelmäßige Meetings. Wir befassen uns mit der Geschichte von Krump und bilden uns in Themen wie Awareness und sexualisierte Gewalt in der Tanzszene weiter, um sicherere Tanzräume zu gestalten.“
Eine stabile und vernetzte Community hat auch die Möglichkeit, neue Sichtbarkeit zu erlangen. „Durch Kontakte in die freie Szene wird sehr deutlich, dass Krump dort immer mehr Interesse weckt. Mein Studium in Kultur- und Sozialwissenschaften verlieh mir einen gewissen Zugang zum Schreiben und damit habe ich überhaupt die Möglichkeit, Anträge einzureichen, um dieser Tanzform in der Kunstszene eine gewisse Sichtbarkeit zu geben. Ich versuche immer wieder, diese Brücken zu schlagen.“
Im Oktober 2020 erschien ein Text der Berliner Krump-Community (Link zum Instagram-Account) in der Let Us Dance Ausgabe „Eine Aufforderung zum Tanz“. Auf der Plattform Aktion Tanz veröffentlichte Lucia 2022 als associated artist mehrere Artikel zu ihrer Tanzpraxis und ihrem Bezug zur Krump-Kultur.
Veröffentlicht im Februar 2026. Text von Maria Ladopoulos.